Claus Tröger


Vor dem Ruhestand | von Thomas Bernhard


| SALZBURGER LANDESTHEATER – Saison 2011/12
| Koproduktion: STADTTHEATER BRUNECK (Südtirol/IT)
| Premiere: 07. Oktober 2011

| Regie: Claus Tröger, Ausstattung: Klaus Gasperi
| Darsteller: Alexandra Tichy, Britta Bayer und Pavel Fieber



Der Gerichtspräsident und Abgeordnete Rudolf Höller ist ein ehemaliger SS-Offizier und war einst stell­ver­tre­tender Kommandant eines Kon­zen­tra­tions­lagers. Er steht kurz vor der Pensionierung und feiert wie jedes Jahr den Geburtstag Heinrich Himmlers zusammen mit seiner Schwes­ter Vera sowie seiner anderen Schwes­ter Clara, die seit einem Bombenangriff der Aliierten im Rollstuhl sitzt.

Dabei wird in diesem kleinen Kreis der Tag als Rol­len­spiel inszeniert: Vera tritt als devote Dienerin in Er­schei­nung und bügelt nicht nur den Talar des Rich­ters, sondern auch seine alte SS-Uniform ge­wis­sen­haft. Clara dagegen bekommt als Roll­stuhl­fah­re­rin widerwillig die Opferrolle zugewiesen und muss die wirren Demütigungen des Hausherrn ertragen. Höllers Zustand schwankt dabei zwischen Erschöpfung und Raserei, die sich letztlich zu einem dramatischen Höhepunkt steigert...


Das in Stuttgart unter der Regie von Claus Peymann uraufgeführte Stück trägt den zynischen Untertitel „Ei­ne Komödie von deutscher Seele“. Die Grund­vor­aus­set­zungen für das Fortbestehen faschistischer Ideen ist hier innerhalb familiärer Strukturen dar­gestellt.

Dabei ist das für Bernhard typische Monologisieren zwar deutlich auszumachen, allerdings nicht so ex­pe­rimentell und ausufernd geraten wie in anderen Wer­ken des Autors. Häufig ent­wickeln sich banale Ge­sprä­che fast beiläufig zu anhaltenden Hasstiraden. Eine entscheidende Qualität des Stückes besteht darin, diese Abgründigkeit hinter der spieß­bür­ger­lichen Alltagssprache zu zeigen.


Fotos: Jürgen Frahm

PRESSE

Kronen Zeitung:

« (...) Die rüde Qual der Grausamkeit: Die nach einem Bombenangriff gelähmte Clara ist die in­ständig Wider­spenstige, die den giftigen Schwe­fel zum Glühen bring. Wie das Britta Bayer spielt, das hat mir sehr Eindruck gemacht. »

SVZ:

« Rudolf Höller war stellvertretender Lager­kom­mandant. Dort hat er Heinrich Himmler getroffen, diesen ‚im Grunde sensiblen’ Menschen. Es fol­gen zehn Jahre im Kellerversteck und danach die Rückkehr ins Amt. Jetzt ist Höller Ge­richts­prä­si­dent. Er urteilt sich dem Ruhestand entgegen und feiert den Geburtstag des Reichsführers SS am 7. Oktober. Einen Tag davor, am Don­ners­tag­abend, hat das Salzburger Landestheater „Vor dem Ruhestand“ von Thomas Bernhard im be­nachbarten Marionettentheater zur Premiere gebracht. Und zwar gut.

Bernhards Drei-Personen-Stück trägt den Unter­titel „Komödie von deutscher Seele“. Aber zum Lachen gibt es nichts. Pavel Fieber ist Rudolf Höller. Der 70-Jährige ist ideal besetzt für diese Rolle der Verdrängung und der Selbstgefälligkeit, in der es nur einen einzigen sympathischen Mo­ment gibt: Höller hat Angst vor dem Ruhestand, er spürt, dass das Gewicht seiner Taten zurück­kehren und seine Ruhe rauben wird – fantas­ti­sches Theater.

Alexandra Tichy als Vera überzeugt nicht minder. Sie schaffte die zweigeteilte Persönlichkeit. Und Britta Bayer sitzt verklemmt im Rollstuhl und quetscht ihren Hass hervor, der ihre Sehnsucht nach Leben längst im Griff hat. »

APA:

« Komödie ohne Lacheffekt: Regisseur Claus Tröger inszenierte ohne große Umstände. Seine Personenregie wirkt logisch, Tröger hat einfach versucht, Thomas Bernhard zu helfen und der Sprache Platz zu lassen. Die Schauspieler haben also Luft für die Text-Kaskaden sich wiederholender Borniertheit. Und sie bügeln, werfen Kaffeetassen und Weinflaschen um, verkrampfen sich vor Hass im Rollstuhl, fuchteln mit Pistolen und Gewehren und blättern zynisch im Fotoalbum. Dort sind die Erinnerungen verwahrt, vom Vater im Urlaub bis zu den Juden, die Höller zum Wohl des deutschen Volkes erschießen musste. »

DrehPunktKultur:

« ...immer noch der Alte, zu allem fähig: Das Landestheater nutzt das benachbarte Marionettentheater, aber das darf nicht über die Dimension täuschen: Thomas Bernhard zeigt uns keine fädengesteuerten Puppen, sondern selbstbestimmte Ewiggestrige. Wie jedes Jahr feiern sie Himmlers Geburtstag.

Rudolf war zwar stellvertretender KZ-Chef, und für zehn Jahre war er nach dem Krieg untergetaucht im Keller des eigenen Hauses. Heraus kam keine Leiche, bis zum Gerichtspräsidenten hat er es gebracht. Jetzt steht er „Vor dem Ruhestand“ – so heißt Thomas Bernhards „Komödie von deutscher Seele“, zu der ihn Ende der siebziger Jahre eine wahre Begebenheit animiert hat. Der deutsch CDU-Politiker Hans Filbinger musste damals als Ministerpräsident zurücktreten. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth und der Regisseur Claus Peymann hatten die Sache wesentlich mit ins Rollen gebracht. »

Wienerzeitung.at:

« Zu Hause lebt Rudolf in seiner eigenen ur-braunen Denkwelt. Er weiß alles über Juden, Wirtschaft und Ruin der Welt. ‚Im Geheimen...dabei denkt die Mehrheit wie wir’, klagt die Schwester Vera. Die andere Schwester, Clara, sitzt im Rollstuhl. Beim Bombardement ihrer Schule wurde sie zum Krüppel. Sie ist die Renitente in der Familie, aber sie kann nur – schweigen. Heute ist ein besonderer Tag, Himmlers Geburtstag. Der hat einmal das KZ inspiziert und mit Rudolf zu Mittag gegessen. Das familiäre Gedenkessen ist bizarre Tradition geworden. Da legt Rudolf die SS-Uniform und die polierten Stiefel an, schnallt sich die Pistole um. Man schaut sich Bilder im Album an. Stolz ist Rudolf auf jede erfüllte ‚Pflicht’. Das Leben der drei läuft nach der einmal von Clara dezidiert ausgesprochenen Devise: ‚Die Kunst besteht darin, den Gehassten nicht ganz zu töten.’ – Das hat Claus Tröger mit der nötigen Schärfe, zugleich zurückhaltend inszeniert, über weite Strecken leise, intensiv und mit präziser Charakterzeichnung. »

Kultur-zeit.net:

« Thomas Bernhard wäre dieses Jahr 80 Jahre alt geworden. Zeit also für den Kulturbetrieb, dem wohl streitbarsten Schriftsteller Österreichs zu huldigen. Auch in Salzburg. Hier hat das Landestheater gleich zwei Stücke im Programm der aktuellen Spielzeit. Die jüngsten Inszenierung: „Vor dem Ruhestand“. Claus Tröger hat auf der Bühne des Marionettentheaters dieses Kammerspiel für drei Personen inszeniert. Ein Spiel, das als „Komödie von deutscher Seele“ tituliert ist, aber in Wahrheit ein beklemmender Blick hinter die faschistoiden Abgründe der gut-bürgerlichen Fassade ist. Ein Blick in eine Welt von Abhängigkeit, Verlogenheit und Feigheit. Im Mittelpunkt steht der von Pavel Fieber verkörperte Rudolf Höller. Höller ist Gerichtspräsident und steht kurz vor der Pensionierung. Er lebt mit seinen Schwestern Vera und Clara zusammen. Den Haushalt führt Vera, gespielt von Alexandra Tichy, die ihren Bruder vergöttert, während die an den Rollstuhl gefesselte Schwester Clara, nur Verachtung für die beiden Geschwister hat. »

EpocheMedia:

« Im Thomas-Bernhard-Stück „Vor dem Ruhestand“ verkörpert Pavel Fieber hartkantig und anschaulich den ehemaligen KZ-Vizechef Rudolf Höller, der im zweiten Leben nach dem Krieg zum Gerichtspräsidenten emporsteigt. Er bellt dennoch weiterhin Naziparolen. Seine Schwester Vera, von Alexandra Tichy dargestellt, betreibt Inzest mit diesem Monster. Das bizarre Paar quält die im Rollstuhl sitzende jüngere Schwester Clara (Britta Bayer). Worte schießen wie Pfeile über die Bühne. Durch viele Dialoge wabert hasserfüllte Bosheit. „Komödie“ nannte Thomas Bernhard spöttisch dieses Gespenstertreiben. »






GRÖSSER | KLEINER . .