Claus Tröger


Verrücktes Blut | von Nurkan Erpulat & Jens Hillje | ITALIENISCHE ERSTAUFFÜHRUNG


  Frei nach dem Film „LA JOURNÉE DE LA JUPE“ (Drehbuch & Regie: Jean-Paul Lilienfeld)

| STADTTHEATER BRUNECK (Südtirol) – Saison 2011/2012
| Premiere: 04. Februar 2012
| Gastspiel: THEATER BAUTZEN (DE, 18.–19.04.2012)

| Regie: Claus Tröger, Ausstattung: Klaus Gasperi
| Darsteller: StudentInnen der Europäischen Theaterschule Bruneck
  sowie zwei Gastschauspieler des Theater Bautzen



« Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein, und bei meiner Ehre, ich will sie geltend machen. Sie setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans Welt. – Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geh unter! Sie gab mir nichts mit. Wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Größten und Kleinsten. Frisch also! Mutig ans Werk! – Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, daß ich nicht Herr bin. Herr muß ich sein, daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebens­würdigkeit gebricht ab. » – Franz Moor in „Die Räuber“ von Friedrich Schiller

Projekttag. Schiller steht auf dem Stundenplan: „Die Räuber“, „Kabale und Liebe“. Sonia Kelich, die Lehrerin, redet über Schillers Ästhetik – «Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt» – aber keiner hört zu, die Schüler haben andere Sorgen. Die Lehrerin wird überschrieen, Macho-Gehabe und Gewalt­androhungen füllen den Un­ter­richtsraum bis im Ge­ran­gel Musa, einem der Schüler, eine Pistole aus dem Ruck­sack fällt.

Die Waffe ist echt, und sie ist geladen. Sonia Kelich greift zu, und dann wird gespielt: Franz Moor, der ewig Benachteiligte; sein Bruder Karl, das In­tri­gen­opfer, das zum Terroristen wird; Ferdinand, dem es nicht gelingt, die Klassenschranken nie­der­zu­reißen, die ihn von Luise trennen und Luise selbst, die ihr Gehorsam das Leben kostet. Die Ideen des deutschen Idealismus im Kopf und die Pistole in der Hand, wird die Lehrerin zur Bildungsterroristin.

Ein absurdes Verwirrspiel beginnt, in dem Schul­all­tag und Schillers Pathos, Mi­gra­tions­pro­bleme und die Not der Lehrer, soziale Be­nach­tei­ligung und die idea­lis­ti­schen Ideen von Ver­nunft als Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit ein un­ent­wirr­bares, ab­sur­des und ebenso be­ängs­ti­gendes Ama­lgam bilden – bis das Theater alle erlöst.

PRESSE

ff – Südtiroler Wochenmagazin (06/2012):

« Lern, oder es knallt! – Der übliche Unterricht in einer Klasse mit sieben Migranten: Ein Junge würgt einen anderen, ein Mädchen beschimpft ihre Mitschülerin: „Verfick dich, du blöde Schlampe!“, die anderen stieren auf ihr Handy. Niemand hört der engagierten Lehrerin zu. Dabei ist es gerade sie, die diese Schüler noch nicht abgeschrieben hat, sie will diesen „Versagern“ mit Bildung helfen. Wie gut, dass ihr plötzlich eine Pistole in die Hände gerät – nun zwingt sie sie mit Gewalt, die Ideale der Aufklärung anhand von Friedrich Schiller zu lernen.

Das ist die Ausgangssituation des Theaterstückes „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillije, das in Deutschland kurz nach der Veröffentlichung des Sarrazin-Buches uraufgeführt und ein großer Erfolg wurde. Zurzeit wird das Stück am Stadttheater Bruneck gespiel. Dabei handelt es sich um eine Koproduktion dreier Theater, die in ihrem Land Theaterstätten für Minderheiten sind: dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, dem Deutschen Theater Budapest und dem Stadttheater Bruneck.

Alle gängigen Klischees über den Islam – vom unterdrückten Kopftuchmädchen bis zum Propheten, dem Kinderschänder – werden im Stück abgespult. Aber auch die Meinung, nur die westliche Welt könne aus diesem Elend erlösen, wird immer wieder hinausposaunt. Derart zugespitzt hält „Verrücktes Blut“ einen Spiegel vor, in dem sich die Meinung vieler aus der Mehrheitsgesellschaft widerspiegelt.

Regisseur Claus Tröger hat das Stück schlüssig und nüchtern inszeniert. Als Bühnenbild wählte er: gar nichts. Die Schauspieler spielen auf der leeren Bühne. Die Darsteller zeigen sehr gute Leistungen, wobei die Lehrerin (Maria Kankelfitz) hervorsticht. Die schnellen Wechsel von der freundlichen Lehrerin zur brutalen Geiselnehmerin spielt sie sehr authentisch. „Verrücktes Blut“ ist ein amüsanter, anregender Theaterhit, der in Erinnerung bleibt. »






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