Claus Tröger


Sidonie | nach Erich Hackl (Bühnenfassung: Christian M. Fuchs) | URAUFFÜHRUNG (2005)


  NENNUNG zum WIENER NESTROY THEATERPREIS (2006)

| SCHAUSPIELHAUS SALZBURG – Saison 2005/06
| Koproduktion: STADTTHEATER BRUNECK (Südtirol/IT)
| Premiere – Bruneck: 15. Oktober 2005
| Premiere – Salzburg: 19. April 2006

| Regie: Claus Tröger, Ausstattung: Klaus Gasperi, Lichtdesign: Jan Gasperi, Musik: Arno Dejaco
| Darsteller: Ogün Derendeli, Philip Leenders, Christiane Blumencron, Ursula Elzenbaumer,
  Brigitte Knapp, Christine Lasta, Hannes Holzer



Erzählt wird die wahre Geschichte des Roma-Mädchens Sidonie, das im Jahre 1933 vor dem Krankenhaus in Steyr/Oberösterreich aufgefunden und von Pflegeeltern liebevoll aufgezogen wird. Unter dem Vorwand, das Kind der leiblichen Mutter zurückzugeben, wird es den Pflegeeltern nach eini­gen Jahren wieder entrissen und wie Tausende An­gehörige der Sinti und Roma von den Natio­nal­sozialisten in den Tod geschickt.


Die freie theatralische Aneignung des Sidonie-Stoffes – ein Projekt mit Dialogen, Infragestellungen, Bildern und zeitgenössischen Parallelen – soll etwas vergegenwärtigen. Arbeitslosigkeit, Armut, Egoismus, Solidarität, Vorurteile und Denunziantentum – dies sind keine historischen Kategorien, sondern Le­bens­bedingungen und Verhaltensmuster, die jederzeit und jetzt auftauchen.

Erich Hackls „Abschied von Sidonie“ ist seit seinem Erscheinen 1989 einer der wichtigsten Texte der österreichischen Gegenwartsliteratur. Eine Ge­schich­te von Zivilcourage und Feigheit, von Solidarität und Fremdenhass.


« Unsere Adaption bietet kein realistisches Abbild. Diese Geschichte wird in Frage gestellt, die Erin­ne­rung dagegen gesetzt, als Korrektiv, als Chronik linken Widerstandes gegen die inhumane Rechte, vom Ständestaat bis hin zu den Neonazis in Kra­wat­te oder Sprin­ger­stiefel. Erzählweise ist keiner Norm verpflichtet, bruchhaft, direkt, so wie Theater heute sein kann. Ein Text, ein Spielfeld, Musik; fertig. » Christian M. Fuchs

PRESSE

DrehPunktKultur (Reinhard Kriechbaum):

« Damit sich nichts und niemand in Luft auf­löst – „Sidonie“ von Christian Martin Fuchs
im Schauspielhaus Salzburg:

Der Roman „Abschied von Sidonie“ bietet alle Möglichkeit zum fingierten Theaterstück. Es hätte ein aufdringlich lehrreiches Zeitgeschichte-Drama werden können. Aber genau dort zielten der Stückautor Christian Martin Fuchs und sein Regisseur Claus Tröger nicht hin. Das trüb­brau­ne Gedankengut lebt ja weiter, und es lebt so­fort wieder auf, wenn die 'Festung Europa' mit ethnischen Minderheiten, mit politischen Im­mi­gran­ten oder 'Wirtschaftsflüchtlingen' konfrontiert ist. Oder mit türkischstämmigen Menschen, deren Familien doch schon in zweiter, dritter Generation hier leben...

Ein Sportplatz, gitterumzäunt. Die jungen Leute kommen zum Streiten. Eine kleine Attacke auf einen jungen Türken, der anders ist und doch gleich – nämlich: akzentfrei – redet. Da taucht ein Mädchen auf, ein zartes, zerbrechliches Wesen. Es sagt, dass es eigentlich gar nicht mehr lebe. 1933 sei sie geboren und nur zehn Jahre alt geworden. 'Dann wärst Du jetzt 73', rechnet einer nach. Man lässt sich auf ein Spiel ein: aufs Nachspielen der Geschichte vom kurzen Leben der Sidonie Adelsburg.

Rassistische Ablehnung schon von dem Mann, der den Säugling im Spital der Pflegemutter aus­händigt. Vom Kinderarzt. Von der Lehrerin und der Fürsorgerin. Keiner von ihnen hat un­mit­tel­bar etwas unternommen gegen Sidonie – aber auch nicht für sie. Niemand hat sich die Finger verbrannt, indem er sich eingesetzt hätte für die dunkelhäutige Außenseiterin. Auch so haben diese Leute nicht wenig Schuld auf sich geladen.

Wie spielt man eine solche Geschichte? Der dramaturgische Kniff ist, dass die jungen Leute, die da eingesetzt sind, das Heute nie ganz verlassen. Sie stellen mit ganz wenigen Uten­silien – eine Schürze reicht für die Rolle der Ziehmutter - Figuren und Szenen nach und bleiben doch Jugendliche in der Jetztzeit, im Verhalten wie in der Sprache. Sie stellen äußere Erregung dar (dann rennen sie schon mal mit voller Wucht gegen den Maschendrahtzaun), aber man sieht ihnen immer auch die innere Emotion an. Das ist die Stärke der Regie von Claus Tröger. Sie wirkt emotionsgeladen und ist doch von leisen Tönen geprägt, von sehr viel Nachdenklichkeit.

Claus Tröger lässt mit größter Natürlichkeit spie­len, kein gekünsteltes Dialektwort, kein Heraus­tre­ten aus dem jeweiligen Ich. Man nimmt einem jeden seine 'Rolle' ab - vielleicht eben weil es keine 'Rollen' sind, sondern alle fürs heutige Leben und Denken stehen.

„Sidonie“ ist ohne Zweifel die seit Jahren beste Produktion für Jugendliche in Salzburg.  »






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