Claus Tröger


komA | von Volker Schmidt & Georg Staudacher


| STADTTHEATER BRUNECK (Südtirol/IT) – Saison 2010/11
| Premiere: 08. November 2010
| Darsteller: StudentInnen der Europäischen Theaterschule Bruneck 
  sowie drei Gastschauspieler der Landesberufsschule Bruneck

| THEATER DER JUGEND (Salzburg) – Saison 2007/08
| Premiere: 16. Februar 2008
| Darsteller: SchülerInnen des Theaterlehrganges des Theaters der Jugend/Akzente

| Regie: Claus Tröger



DIE IDEE

In Form eines Stationstheaterstücks an einer Schule wird das Publikum auf drastische Weise mit fiktiven Vorfällen eines Schulamoklaufes konfrontiert. Danach werden in einem Parcours durch mehrere frei wähl­ba­re Stationen die Schüler aufgefordert, sich selbst auf die Suche nach Ursachen und Zusam­men­hän­gen zu machen. Es werden keine Antworten auf die Frage nach dem Warum geliefert. Das Publikum muss selbst Antworten finden oder zumindest die richtigen Fragen stellen.


Eric Harris und sein Freund Dylan Kiebold stürmten, mit Trenchcoats bekleidet, am 20. April 1999 ihre Schu­le und richteten dort zwölf Mitschüler im Alter von 14 bis 18 Jahren, einen Lehrer und schließlich sich selbst.

In Erfurt macht am 26. April 2002 Robert Steinhäuser in seiner ehemaligen Schule gezielt Jagd auf Lehrer. Er tötet dreizehn von ihnen, sowie zwei Schüler und einen Polizisten. Anschließend richtet er sich selbst.

Das sind zwei Ereignisse aus einer Kette von Schul­mas­sa­kern, die die Menschen in jüngster Zeit er­schüt­tert haben. Die Namen Springfield, Pomona, Jones­boro, Pearl, Littleton, Erfurt, Red Lake sind Synonyme geworden für den ungreifbaren Schrecken, für den Tod Unschuldiger, für die nackte Angst, für die Per­ver­tie­rung und Hilflosigkeit der Gesellschaft, für die immer wiederkehrende Frage nach dem 'Warum?'.

Konnte man bei der Ursachenforschung die Amok­läu­fe in den USA noch auf die laxen Waffengesetze und die Leichtigkeit, mit der man dort Waffen erwerben kann, zurückführen, zeigt das Massaker von Erfurt, Winnenden bei Stuttgart oder Ansbach in Bayern (Sep­tember 2009), daß einfache Antworten nicht ausreichen. Wir stehen möglicherweise vor einem Problem, dessen Ursachen in globalen Entwicklungen zuminderst der industrialisierten Welt zu suchen sind.

„komA“ ist ein Projekt, das mit den Mitteln des Thea­ters diese Problematik thematisiert, um auf­zu­rüt­teln, Fragen zu stellen, Antworten zu diskutieren.


DAS STÜCK

Das Publikum findet sich im Festssaal einer Schule zum runden Geburtstag einer langdienenden Lehrerin zusammen. Alle Schulklassen, die von dieser Lehrerin unterrichtet werden, haben eine Überraschung vor­be­rei­tet. In den anderen Klassen geht der Unterricht wei­ter. Nach einer kurzen Ansprache der Direktorin wer­den die zwei ältesten Klassensprecher gebeten, die Lehrerin, die von dem Festakt nichts weiß aus dem Kon­ferenzsaal zum Festsaal zu be­gleiten. Ein junger Kameramann begleitet die beiden, das Geschehen wird auf die Leinwand im Festsaal übertragen. Die Zu­schauer folgen den Schülern also durch die Gän­ge, die Lehrerin wird geholt, blickt überrascht in die Kamera.

Es fällt ein Schuss, die Lehrerin verschwindet aus dem Blickfeld. In der Unschärfe ist ein Junge mit einer Waffe im Anschlag zu erkennen. Das Kamerabild wird unruhig. Weitere Schüsse und Schreie sind zu hören. Der Kameramann rennt um sein Leben, will sich verstecken. Auch über den Gang dringen die Schreie und Schüsse zum Festsaal ins Publikum. Schließlich bewegt sich die Kamera nicht mehr. Sie liegt irgendwo in einer Schulklasse zwischen Stühlen am Boden.


Die Zeit wird zurückgedreht. In verschiedenen Teilen der Schule werden Ereignisse aus dem Leben des Attentäters und seines Umfeldes gezeigt. In einem Zeitraum von ca. zwei Stunden kann das Publikum aus mehreren Stationen wählen und sich über die Vorgänge vor dem Attentat ein Bild verschaffen. In geführten Gruppen erleben die Zuschauer an 'Originalschauplätzen' einen Schulalltag, der dramatisch endet.

Man sieht Szenen im Turnsaal, am Schulklo, im Konferenzzimmer, Kollegen und Freunde des Attentäters, seine Lehrer, Personen, die keinen direkten Bezug zum Attentäter haben. Wir sehen Ausschnitte aus dem Homevideo der Familie des Attentäters. Man hört Gespräche seiner Kollegen über ihn, man belauscht seine Mutter am Elternsprechtag im Gespräch mit seinem Klassenvorstand, sieht plötzlich seine Träume und Fantasien, taucht in irreale Welten ein und verliert manchmal den Überblick, was real ist, was Fantasie, was richtig, was falsch, was Tatsache und was Interpretation. Oft wird auch der direkte Zusammenhang der Szenen mit dem Leben des Attentäters nicht sofort offenbar. Der Zuschauer muss sich sein Bild der Ereignisse selbst zusammenfügen, muss kombinieren, muss auswählen. Kann sich mit anderen Zuschauern absprechen, Erfahrungen austauschen.


Nach diesen zwei Stunden findet sich das Publikum vor dem Eingang zur Schule zusammen. Es ist Vormittag, kurz bevor der Festakt für die Lehrerin beginnt. Hier begegnen wir ein paar Freunden, die miteinander reden und rauchen, einer von ihnen hat eine Sporttasche bei sich. Die Schüler betreten das Gebäude. Der Junge mit der Sporttasche bleibt noch ein wenig, raucht seine Zigarette fertig und betritt schließlich auch das Gebäude. Der Kreis der Handlung schließt sich damit. Das Erlebte wird diesmal von aussen betrachtet. Der Schritt zur emotionalen Distanzierung wird erleichtert.

PRESSE

DrehPunktKultur (Heidemarie Klabacher, 18.02.2008):

« Wie konnte das geschehen? – Die Vorgeschichte eines Schulmassakers ist Thema von „komA“. Das schulübergreifende Jugendtheater von Akzente Salzburg/Theater der Jungend hatte am Montag (16.02.) in der Landesberufschule 2 am Markartkai Premiere.

Lange Gänge. Klassenzimmer. Computerräume. Stiegenhäuser. Und immer wieder lange Gänge. Die Glastür zum Korridor vor dem Konferenzzimmer wird sich öffnen, eine Lehrerin und zwei Schülerinnen werden die ersten Opfer sein. Auf dem Video sieht man noch, wie das heitere Gesicht der Professorin aus dem Bild verschwindet, wie das Lachen der Mädchen sich in Entsetzen verwandelt. Dann verlöscht das Bild – auch der Kameramann ist getroffen...

Von der ersten Szene an zieht das Geschehen die Zuschauer in seinen Bann. Das Publikum wird, verteilt auf vier Gruppen, treppauf treppab durch das ganze weitläufige Gebäude geführt: Klassenzimmer, Gänge, der Fitnessraum, ja sogar das Mädchenclo, sind Szenenschauplätze.

Wenn man im Stiegenhaus hinunter blickt auf den nächsten Treppenabsatz, wo Stefan und seine ehemalige Professorin (die ihn hat durchfallen lasen) miteinander reden, kommt man sich tatsächlich vor, wie etwa ein Elternteil, der an einem Sprechtag zufällig in der Schule ist und diese Szene unfreiwillig beobachtet...

Wenn man dann weiter geführt wird und irgendwo im Pausenbereich ein paar Mädchen sitzen, hat man ebenfalls das nicht das Gefühl, an Darstellern vorbeizugehen, sondern 'Schulalltag' zu erleben: Die Landesberufsschule 2 am Makartkai ist der authentische Schauplatz – Gott sei dank nicht einer Tragödie – sondern der theatralisch aufgearbeiteten und akribisch analysierten Vorgeschichte eines Massakers. In zahlreichen Gesprächen, kurzen Dialogen, beiläufigen Szenen aus einem scheinbar nor­ma­len Schulalltag wird im Stück „komA“ retrospektiv die Geschichte des Amokläufers Stefan erzählt.

Bewundernswert sind die darstellerischen Leistungen der Mädchen und Burschen, die scheinbar nur 'sich selber' spielen. Ob magersüchtige oder unter permanentem Waschzwang stehende 'Tussi', gewalttätiger Schläger, scheinbar willenloses Mobbing-Opfer, Mitläuferin, die einfach auf der 'richtigen' Seite – also der der Stärkeren – stehen will: Die Jugendlichen agieren vollkommen natürlich und überzeugend. Grandiose Leistungen!

Noch beängstigender in ihrer Realität wird die Produktion, wenn man die Auflistung realer Schulmassaker seit 1997 im Folder liest: Es kann jederzeit geschehen... »






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