Claus Tröger


Herbstsonate | von Ingmar Bergman


| LANDESTHEATER NIEDERBAYERN/LANDSHUT – Saison 2010/2011
| Premiere: 05. März 2011

| Regie & Ausstattung: Claus Tröger
| Darsteller: Ursula Erb, Susanne Engelhardt, Josepha Sem, Olaf Schürmann



« Ich glaube, es ist typisch, dass man gerade durch eine Krise den Weg findet und die Sache anzupacken wagt. Aber wir haben so verzweifelte Angst vor der Krise – zu einem Krach, einer Abrechnung darf es nicht kommen, auf die Wunde muss erstmal ein Pflaster. Die Auffassung ist in unseren Formen des Zusammenlebens gut verankert – dass es darauf ankommt, einander vor der Krise zu bewahren. Damit halten wir einander auch davon ab, der Mensch zu werden, der man ist, denn darum geht es bei der Abrechnung doch. » (Ingmar Bergman)


Die international gefeierte Konzertpianistin Charlotte besucht nach dem Tod ihres Lebensgefährten an einem Herbstwochenende ihre Tochter Eva, die mit ihrem Mann ein bescheidenes Leben in einem abgelegenen Pfarrhaus führt.

Sieben Jahre lang haben sich Mutter und Tochter nicht gesehen. Trotz der schnell erkennbaren Unter­schiede – Charlotte ist eine extrovertierte Küns­tlerin, Eva eine verträumte, in sich versunkene Frau – ist ihre Begegnung zunächst sehr herzlich und eine An­nä­he­rung nach so langer Zeit erscheint möglich.

Charlotte kann nicht schlafen. Sie wandert im Haus umher und begegnet ihrer Tochter, die offenbar auch keine Ruhe findet. Mitten in der Nacht kommt es zu einer schmerzhaften Aussprache.

Eva klagt ihre Mutter an: Charlotte habe sich um sie, um ihre schwerkranke Schwester Helena, die in­zwi­schen bei ihr wohnt, und um ihren Vater nie ge­küm­mert. Sie habe sich nie für etwas anderes interessiert als für sich selbst und ihre Karriere. Die Kette der Vor­würfe reißt nicht ab. Eva taucht in ihre Kindheit ein und beschreibt sich als kleines Mädchen, das sich verzweifelt nach Anerkennung gesehnt hat. Die Mut­ter und ihre Liebesunfähigkeit seien schuld, dass sie bis heute nicht gelernt habe, sich selbst anzunehmen.

In die Aussprache dringen plötzlich die un­ver­ständ­li­chen Schreie der körperlich schwer behinderten Helena, die verzweifelt versucht, quer durch das ganze Haus kriechend, die beiden Frauen zu er­rei­chen. Sie scheint zu rufen: ‚Mama. Komm.’


In einer Nacht, an einem Ort, in diesem verdichteten Bergmanschen „Zeitraum“ wird uns die ganze Le­bens­geschichte dreier Frauen nahegebracht. Bergman er­zählt darin von der Sehnsucht nach Liebe und über die Schwierigkeit, sich selbst anzunehmen. Er ist ein präziser Menschenbeschreiber, der seinen Figuren mit gnadenloser Kritik und mitfühlender Sympathie be­geg­net. Lebensecht zeichnet er fili­grane mensch­liche Regungen.

Auch in diesem Spätwerk wird der besondere Berg­man­sche Kosmos lebendig: Das Realistische und Thea­tralische macht die „Herbstsonate“ zu einem her­vorragenden Bühnenstoff. Das Oszillieren zwi­schen Realität und Traum, Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit fordert die ma­gi­schen Qua­li­täten des Theaters heraus.

PRESSE

Landshuter Zeitung
(Christian Muggenthaler, 07.03.2011):

« Etüde in Moll – Ingmar Bergmans „Herbstsonate“ im Studio des Landshuter Stadttheaters: Es geht in Ingmar Bergmans kleiner psychoanalytischer Innenansicht einer Mutter-Tochter-Beziehung „Herbstsonate“ um das Thema Erwachsenwerden. Eva, die Tochter, be­greift, dass man erst dann kein Kind mehr ist, wenn man die Eltern nicht mehr für den Men­schen ver­antwortlich macht, der man selbst geworden ist. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur persönlichen Freiheit. Und Charlotte, die Mutter, weiß und begreift das instinktiv: ‚Was für Schuld?’, fragt sie verständnislos und hebt ratlos die Arme, wenn an einem Rotwein-Abend mit einem Mal alle angestaubten Vorwürfe ihrer Tochter über sie hereinprasseln. Am Ende ist Mama weg, aber das Verständnis angekommen, dass eine Familie nur dann funktioniert, wenn sie ein Hort gegenseitigen Respekts und erwartungsfreier Liebe ist.

Im Studio des Landshuter Stadttheaters, wo Bergmans Seelenecholot jetzt in einer ge­lun­gen­en Inszenierung von Claus Tröger ausgeworfen wurde, entwickelt sich dieses Verständnis in aller Behutsamkeit, ist die Botschaft verpackt in einer Allerweltsgeschichte. Eva, die Bürgersfrau, lädt Charlotte, die Konzertpianistin, nach sieben Jah­ren Entfernung in ihr Zuhause ein; und so ganz allmählich bröckelt der Verputz der Konventionen von der Beziehung der beiden ab und steht die nackte, kalte Mauer der Entfremdung zwischen ihnen.

In einer langen, zentralen, sehenswerten, in Landshut bemerkenswert authentisch aus­ge­spiel­ten Szene kommt es zum Konflikt, in dessen Kern wiederum eine Erkenntnis steht: Nach all den Vorwürfen Evas an ihre Mutter, als Kind nicht richtig von der ständig reisenden Pianistin geliebt worden zu sein, erinnert sich diese, selbst als Kind Emotionalität auch nie erfahren  und sie nur in der Musik entdeckt zu haben. Derlei Mängel erben sich fort, wenn man sie nicht in sich selbst erkennt und behebt, lehrt Bergmans kleine psychoanalytische Innenansicht. »


Straubinger Tagblatt, Straubinger Rundschau (Bernd Hielscher, 17.03.2011):

« Innerfamiliäre Eiszeit – Landshuter brillierten mit Bergmans „Herbstsonate“: Ein­sam­keit, Bezie­hungs­lo­sig­keit, Kälte. Und latente Lüge. Das schmerzhafte Gefühl der erwachsenen Toch­ter, ständig von der Mutter verlassen worden zu sein, ist eine offene Wunde, die immer wieder aufbricht. Und das in dieser beklemmenden Welt innerfamiliärer Eiszeit, der die Mutter, die als Kind ebenfalls nie Liebe erleben durfte, nur hilflos staun­endes Unverständnis entgegenbringen kann. Alle Ansätze, die Ursachen dieser un­er­träg­lichen Situation zu analysieren, enden in Seelen­mas­sa­kern, Vorwürfen und Selbstvorwürfen, er­sti­cken schließlich im Treibsand verkorkster Emo­tio­na­li­tät der beiden verkrüppelten Seelen. Ingmar Bergmans „Herbstsonate“ schlug das von dieser unter die Haut gehenden Inszenierung des Landestheaters Niederbayern gefesselte Publikum am Dienstagabend in ihren Bann.

Die so dezente wie effiziente Undercover-Regie von Claus Tröger und das minimalistisch hoch konzentrierte Spiel der vier absolut über­zeu­gen­den Akteure sorgten für eine Sternstunde des Sprechtheaters im Theater am Hagen.

Intensität des Themas, Präsenz der Schauspieler, aber auch die seelische Leere signalisierende Spielfläche transformierten 80 Minuten lang ein hohes Maß an Betroffenheit ins Publikum. Das musste am Schluss erst einmal ein paar Sekunden durchatmen, ehe es sich, vom Geschehen auf der Bühne zurück in der Theaterbesucherwirklichkeit, spürbar erschüttert mit heftigem und dankbarem Applaus bedankte. »






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