Claus Tröger


Die Ziege oder Wer ist Sylvia? | von Edward Albee


| LANDESTHEATER NIEDERBAYERN (Landshut, DE) – Saison 2008/09
| Premiere: 12. Dezember 2008

| Regie: Claus Tröger, Ausstattung: Katja Schindowski...
| Darsteller: Antonia Reidel, Gerhard Mohr, Kristoffer Nowak, Klemens Neuwirth



Edward Albees Anmerkungen zu einer
Bestimmung des Tragischen


Einem berühmten Architekten, der an seinem fünfzigsten Geburtstag auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen ist, widerfährt etwas Ungeheuerliches – die Liebe. Seine Frau, sein Sohn und sein bester Freund sind entsetzt, denn seine Liebe gilt einer Ziege.

Edward Albees Stück, das 2002 mit dem Tony Award als bester dramatischer Text des Jahres ausgezeichnet wurde, bezeichnet der Autor im Untertitel als „Anmerkungen zu einer Bestimmung des Tragischen“. Dabei hat die Ausgangssituation zunächst nichts, was an die dramatische Höhe der klassischen Tragödie gemahnen würde.

Der Architekt Martin Gray lebt mit seiner Frau und seinem Sohn vielmehr in einer besonders privilegierten und gelungenen Ausgabe bürgerlicher Normalität. An seinem fünfzigsten Geburtstag erhält er einen höchst angesehenen Architekturpreis für sein bisheriges Werk und den Auftrag für ein milliardenschweres Prestigeobjekt. Aber in diese Normalität bricht plötzlich eine andere Realität von elementarer, fast archaischer Wucht ein – die Liebe. Nicht in einer ihrer gängigen, gesellschaftlich akzeptierten Spielarten, sondern in einer auch heute noch für besonders bizarr und 'unnatürlich' erachteten Formen. „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ bewegt sich an den Grenzen unserer moralischen Vorstellungen und lotet so auch die Belastbarkeit der Toleranz aus, auf die eine aufgeklärte Gesellschaft sich so viel zugute hält.


Edward Albee, 1928 in Washington D.C. geboren und seit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ einer der bedeutendsten und einflußreichsten amerikanischen Dramatiker, ist ein ausgewiesener Spezialist für Zimmerschlachten ums Ganze. Dabei wird die realistische Ausgangssituation seiner Stücke häufig durch archaische, surreale und (alp-)traumhafte Unterströme in Frage gestellt und erweitert.

Er selbst beschreibt seine Dramen als „Angriff auf die Ersetzung von wahren durch künstliche Werte, eine Verurteilung von Selbstgefälligkeit, Grausamkeit, Verweichlichung und Gedankenlosigkeit, eine Stellungnahme gegen das Märchen, alles sei in bester Butter in unserem trudelnden Land.“

Neben diesem deutlich gesellschaftskritischen Impuls beleuchtet „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ aber auch Tiefenstrukturen unserer Gegenwart, die sich mit Begriffen von 'Norm' und 'Abweichung' nicht ausreichend beschreiben lassen.

PRESSE

Bayernkurier (Jahrgang 60/Nr. 04,
Michaela Schabel, 24.01.2009):


« Weg von der Natur: 'Er liebt eine Ziege' – eine reale Ziege! Zwischen boulevardesken Beginn und tragischem Ende präsentiert Albees Erfolgs­stück „Die Ziege oder wer ist Sylvia?“ irritierende Provokationen. Aus den Hirnrissen einer US-amerikanischen Gesellschaftskultur gewinnt das Stück unter der Regie Claus Trögers tatsächlich die Fallhöhe griechischer Tragödie. Über Albees Liebe- und Verluststück hinaus schildert Tröger eine Gesellschaft, die aus dem Ruder geht, weder Tabus kennt noch logische Erklärungen zu liefern vermag. Eine erkrankte Gesellschaft, wen wundert's, eine, der Authentizität längst flöten gegangen ist.

Was für diesen Interpretationsansatz textlich fehlt, liefert die Bühne. Katja Schwindowski verwandelt sie in ein stylisches Wohnambiente. Alles in rei­nem Weiß: Die ultrabreite Designercouch, auf der sich der Erfolgsarchitekt Martin Gray, seine Frau Stevie und Sohn Billy verlieren, fast kleiner als die symbolträchtigen Schachfiguren im Vordergrund.

Gerhard Mohr spielt diesen Martin Gray derart subtil, dass seine vordergründige Sodomie zur Chiffre für die Liebe an sich avanciert, zum Leben in der Natur, die noch alle Sinne anspricht. Ehe­frau Stevie wird zur Symbolfigur einer ver­ständ­nis­losen Gesellschaft. Antonia Reidel wandelt groß­artig zwischen Selbstbeherrschung und Wutanfall. Sie zwingt boulevardesken Sprachwitz in bleiern schwere Rhythmik, die Albees All­tags­sätze im Raum verhallen lässt, drohend wie ein Damo-klesschwert.

Mit dieser starken Inszenierung gelingt Claus Tröger eine großartige Parabel gesellschaftlichen Unvermögens. Albees vordergründiger Realismus dient dabei nur als Leinwand, auf der ein Bild entsteht: Das von der entfremdeten menschlichen Existenz, die sich von der Natur entfernt hat. »


Straubinger Tagblatt (Bernd Hielscher, 05.02.2009):

« (...) Regisseur Claus Tröger hat bei diesem heutzutage als unappetitlich geltendem Thema – der Oberolympier Zeus sah das anderes – mit viel Fingerspitzengefühl Horror und Komik bestens austariert. Und er hat das Glück, in Antonia Reidel eine faszinierende Stevie zu haben, die noch im Zerbrechen als für ihr Umfeld tödliche Splitterbombe explodiert. Brillant auch Gerhard Mohr, der als monströses Weichei Martin Tabus in Taschenspielermanier kurzerhand als irrational definiert und deshalb daran scheitert, Uner­klär­ba­res zu erklären. Während Homo­sexua­li­tät bereits gesell­schaft­lich kompar­tibel ist, bleibt Sodo­mie ein Tabu – zumindest, wenn sie öffent­lich wird. Die Schizo­phrenie der Moral, dass man alles machen kann, solange es niemand erfährt, spiegelt Kristoffer Nowak als schwuler Sohn Billy, der für sich und seinen Lebensstil Toleranz einfordert, seinen Vater aber als Sodomist gnadenlos verdammt.

Das Straubinger Publikum applaudierte am Diens­tagabend im Stadttheater vor allem der dezent-pointierten Regie und einer außer­gewöhn­li­chen schauspielerischen Leistung. »


Passauer Neue Presse
(Raimund Meisenberger, 22.12.2008):


« Wenn das Leben zuschlägt – Hartes Thema, berauschendes Theater: Edward Albees „Die Ziege“ am Landestheater in Passau – Große Schauspielerleistung: (...) Was diese Aufführung so wunderbar macht, ist, dass Autor, Regisseur und Hauptdarsteller aber auch gar nichts unternehmen, was die monströse Tat der zentralen Figur denunzieren würde. 'Kapiert denn keiner, was geschehen ist?', fragt Martin. 'Ich bin allein. Total allein.' Es war eine Tat aus reiner, großer Liebe, sagt er. Dank seiner wunderbaren, ruhigen, ernsthaften Schauspielerei glaubt man ihm. Obwohl das eigentlich unmöglich ist. Und man lacht, oft und herzhaft, weil Regisseur Claus Tröger das Stück trotz allem mit einer Portion ironischer Leichtigkeit inszeniert hat.

All dies in 90 Minuten, das ist sensationell. Langer, heftiger Applaus feiert das Stück und vier fantastische Schauspieler. »






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