Claus Tröger


Die letzten Tage der Menschheit | von Karl Kraus (Neufassung: Christian M. Fuchs)


  URAUFFÜHRUNG DER NEUFASSUNG von Christian M. Fuchs

| SCHAUSPIELHAUS SALZBURG – Saison 2007/08
| Koproduktion: STADTTHEATER BRUNECK (Südtirol/IT) & EUROTHEATER BONN (DE)
| Premiere – Bruneck: 18. Jänner 2008
| Premiere – Salzburg: 18. November 2007
| Premiere – Bonn: 22. & 23. November 2006

| Regie: Claus Tröger, Ausstattung: Klaus Gasperi, Bühnenmusik & Live-Interpretation: Arturas Valudskis
| Darsteller: Ingeborg Frena, Ute Hamm, Irmgard Maria Sohm, Randolf Destaller,
  Thomas Graw, Walter Ludwig, Harald Fröhlich



Von diesem Drama schrieb Karl Kraus, es sei...

« ...einem Marstheater zugedacht. – Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten. Denn es ist Blut von ihrem Blute und der Inhalt ist von dem Inhalt der unwirklichen, undenkbaren, keinem wachen Sinn erreichbaren, keiner Erinnerung zu­gäng­lichen und nur in blutigem Traum verwahrten Jahre, da Oper­et­ten­fi­gu­ren die Tragödie der Menschheit schrieben. »

In hunderten kleinen Szenen wird diese Apokalypse der Menschheit zum grimassierenden Universal­ka­ba­rett. Vom aggressiven Mob bis zu kaiserlichen Ho­hei­ten, von jodelnden Kriegsdichtern bis zu senilen Ge­ne­ral­stäblern, von Kriegsgewinnlern bis zu sen­sa­tions­geilen Jour­na­lis­ten organisiert ein noch nie da­ge­we­se­nes dramatisches Konzept eine neue Species von Theater und auch von Literatur. Denn, so Karl Kraus:

« Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Ge­sprä­che, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate. Sätze, deren Wahnwitz unverlierbar dem Ohr eingeschrieben ist, wachsen zur Lebensmusik. Das Dokument ist Fi­gur; Berichte erstehen als Gestalten, Gestalten ver­en­den als Leitartikel; das Feuilleton bekam einen Mund, der es monologisch von sich gibt; Phrasen stehen auf zwei Beinen – Menschen behielten nur eines... »

Mit einem präzisen Sprachwitz tritt der Autor auch selber in das Werk ein, als Nörgler, dem die Phrase zur blutigen Wirklichkeit wird. « Es handelt sich in die­sem Krieg... » will sein ständiger Gesprächspartner, der Optimist, zu einer Erklärung ansetzen, und er unterbricht: « Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg! » Doku-Theater, Montagetheater und Kabarett gehen hier eine frühe, unübertroffene Synthese ein.


Grundsituation:

Ein Marstheater, das auf Sprachkunst und Sprachwitz basiert, die Phantasie der Zuschauer einbindet. –
Der Nörgler allein...aber keine Kopie von Karl Kraus, son­dern ein grotesker Kommentator der Endzeit. – Aus der Erinnerung und aus dem Dunkel der „letzten Tage“, die er erlebt hat, treten die Gestalten des Spiels. – Die Wände werden licht, durchlässig, Pro­jek­tions­flächen. Gespielt wird vor und hinter ihnen. –
Der Nörgler bleibt er selbst, er ist Gestalt in seinem eigenen Spiel, Chronist, Spielanweiser, Kommentator. Vielleicht der letzte Mensch, der diese Tage überlebt hat. – Auch ist er Wort-Kulisse – erzählt die zum Teil literarisch-plastischen Szenenanweisungen. – Lachen darüber, wie Sprache die Lügen entlarvt, oder als Reaktion auf unbegreifliche Dummheit der Menschen.

PRESSE

Generalanzeiger Bonn
(Elisabeth Einecke-Klövekorn, 06.06.2008):


« (...) Sie raunen und raunzen, plappern fröhlich Unsägliches, brüllen Parolen im Chor, mutieren innerhalb von Sekunden vom naiven Kind zum Tattergreis, von der Hure zur begeisterten Frontberichterstatterin, vom Generalstab zum einfachen Soldaten. Die Musik zu ihrem rhythmisch ungemein präzisen Totentanz spielt der litauische Bühnenmusiker Arturas Valudskis, der ironisch immer wieder Beethovens Götterfunken anklingen lässt, während die irdische Sprache im kriegs­lüs­ter­nen Taumel verkommt. Die Zeitungsblätter sind der Zunder für den Weltenbrand. 'Extra-Ausgabe!' schreit der Zeitungsjunge – der Mord in Sarajewo und seine Folgen verkaufen sich blendend. Versteckt unter Zeitungspapier verpennt der „Nörgler“ einen Teil der Geschichte. Er ist die einzige Figur, die sich dem grimassierenden blutigen Karneval grimmig entzieht. Harald Fröhlich spielt diese zwiespältige Figur des hilflosen Intellektuellen, in der der publizistische Einzelkämpfer Karl Kraus sich auch selbst kritisch porträtiert hat. Das Publikum bei der Bonner Premiere applaudierte der fantastisch genauen, künstlerisch hervorragenden Aufführung zu Recht begeistert. »


DrehPunktKultur (Heidemarie Klabacher):

« Kriegführen, um darüber zu berichten:
(...) Der Dramaturg und Drehbuchautor Christian Martin Fuchs hat Karl Kraus' Monumentalwerk für die Aufführung im Studio des Schauspielhauses bearbeitet. Er habe versucht, 'Linien her­aus­zu­ar­bei­ten', erzählt Fuchs. Besonderes Augenmerk hat Fuchs dabei auf Karl Kraus’ Haltung zur Spra­che und deren Missbrauch durch die Pro­pa­gan­da im Krieg gelegt. Kriegs­be­richt­erstat­ter kommen besonders schlecht weg, Ganghofer und Roda Roda werden also solche quasi exemplarisch karikiert. Aber auch namenlose Reporter und Fotographen treten auf. 'Zeitungsblätter haben zum Unterzünden des Weltenbrandes gedient', heißt es etwa.

(...) Regisseur Claus Tröger hat einen flotten Tanz auf dem Vulkan entwickelt, dessen einzelne Szenen rasch und ohne Brüche ineinander übergreifen. Klaus Gasperi hat das Studio des Schauspielhauses in eine feldgraue Höhle verlegt, die Ausstattung besteht aus einem Matratzenlager und Zeitungsstapeln „Reichspost“. »






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